Der Wortlaut der Sendung
gesendet am 27. September 2001
auf Radio Bonn/Rhein-Sieg

 
 
Die Radiosendung im Überblick:
 
Moderation: Anne und Otto
Beiträge von Ina, Marlis, Irene, Anneliese und Otto
 

  1. Anmoderation (Moderation)
  2. Thema-Einführung (Ina)
  3. Überleitung (Moderation)
  4. Der Alltag einer blinden Telefonistin (Marlis)
  5. Überleitung (Moderation)
  6. Ängste im Freien (Otto)
  7. Ängste im Verkehr (Anne)
  8. Überleitung (Moderation)
  9. Sport für Blinde und Sehbehinderte (Irene)
  10. Überleitung (Moderation)
  11. Gedicht: Lob eines Baches (Anneliese)
  12. Abmoderation (alle)
 
 
Der Wortlaut der Radiosendung:
 
Anne:
Hörwelten - eine Sendung gestaltet von einigen Blinden und Sehbehinderten, die davon erzählen, wie sie sich ganz ohne oder nur mit wenig Sehen im Leben zurechtfinden.
 
Otto:
Dabei kommt dem Hören ein weit größerer Stellenwert zu als bei den vorwiegend optisch orientierten Sehenden:
 
Ina:
Hörwelten - oder Hören statt Sehen. Mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland sind sehbehindert. Ihr Sehvermögen beträgt weniger als 30 % der als normal bezeichneten Sehschärfe. An Erkrankungen der Netzhaut wie der Makula-Degeneration mit dem Verlust des Sehzentrums leiden mehrere hunderttausend. Rund 30.000 sind von Retinitis Pigmentosa, dem Tunnelblick, betroffen. Dies ist eine Netzhauterkrankung, die mit einer beträchtlichen Einschränkung des Gesichtsfeldes beginnt und bis zur völligen Erblindung führt. Menschen, die zusätzlich zur Seh- auch eine Hörbehinderung haben, das Usher-Syndrom, sind besonders schwer betroffen. Für alle diese Krankheitsgruppen gibt es selbst in den westlichen Industrieländern noch keine Therapie. Die allmähliche völlige Erblindung ist nicht zu verhindern. Im umgangssprachlichen Sinne ist man blind, wenn man gar nichts mehr sieht. Bei Netzhauterkrankungen ist der Sehverlust aber schleichend. So ist es möglich, daß ein Blinder mit Blindenstock in den Bus einsteigt und dann seine Zeitung liest. Wer weiß aber schon, daß dies ein Mensch mit Tunnelblick ist: Er sieht wie durch einen Tunnel, kann also noch lesen, nimmt aber sein Umfeld nicht mehr wahr. Wir vom Bonner Blinden- und Sehbehindertenverein möchten Sie heute in die Hörwelt von blinden und sehbehinderten Menschen einladen. Sagen Sie doch einfach "Hallo"! So werden Sie begrüßt, wenn Sie ohne etwas zu sagen in einen Kreis von Menschen mit weißen Blindenstöcken treten. Wie sollen wir sonst wissen, wer bei uns steht? Sehende können erkennen, daß wir blind sind. Wir benutzen den weißen Stock und tragen außerdem noch das europäische Blindenabzeichen: den weißen Mann mit Stock auf blauem Hintergrund. Wir können sie ja aber nicht mehr sehen. Also müssen wir sie hören. Sagen Sie also das nächstemal zum Beispiel einfach: "Hallo"! Und so wissen wir, daß Sie da sind. Wer weiß schon, wie wichtig das Hören besonders für blinde Menschen ist! Liebe Hörerinnen, liebe Hörer. Wir hoffen, Sie können sich durch die nachfolgende Sendung die Hörwelt von blinden und sehbehinderten Menschen besser vorstellen.
 
Anne:
Hören sie nun, wie der Alltag einer Blinden Telefonistin aussieht.
 
Marlis:
Der Wecker rasselt und reißt mich nur so aus dem Schlaf. Ich steige aus dem Bett und begebe mich in einen ganz normalen Alltag. Anstatt das Licht im Badezimmer anzuknipsen, betätige ich den Einschaltknopf des Radios. Das ist eine sehr wichtige Geräuschkulisse für mich; denn der flotte Blick auf die Wanduhr ist mir ja nicht möglich. Interessante Infos und aktuelle Nachrichtenbeiträge ersetzen mir die Tageszeitung. Zusätzlich lausche ich dem surrenden Geräusch der Kaffeemaschine. Meine Ohren verraten mir durch das verlangsamte Pumpen des Wassers, daß der Muntermacher gleich fertig ist. Das ist der richtige Zeitpunkt, nun meinen Mann Dieter aus den Federn zu locken. Aus irgendwelchen Bereichen des Hauses schleichen sich unsere beiden Katzen heran. Wenn sie mich nicht gerade mauzend begrüßen, nehme ich sie durch zwei verschieden klingende Glöckchen wahr, die an ihren Halsbändern baumeln. So kann ich Luzi und Micki voneinander unterscheiden. Noch schnell ein paar Streicheleinheiten und Füttern, dann wird es Zeit, das Haus zu verlassen. Das tue ich mit meiner mittlerweile ebenfalls aufgewachten Blindenführhündin Lisa. Ihre Aufgabe besteht jetzt darin, mir auf dem Weg zur Dienststelle behilflich zu sein. Das heißt für mich: Wenn ich an ihrer Seite gehe, benötige ich einen weitaus geringeren Konzentrationsaufwand. Meine Hörwelt bleibt jedoch nach wie vor sehr bedeutsam. Am Tackern der Ampel erkenne ich, daß ich Rot habe. Wechselt dieser Ton in ein brummiges bzw. schrilles Geräusch über, gehen wir über die Straße; denn es ist grün geworden. Geradewegs und zügig bringt mich Lisa auf den gegenüberliegenden Bürgersteig, von wo aus mir ebenfalls eine Ampel akustische Zeichen gibt. An der Haltestelle höre ich die Stadtbahn einfahren. Hier kann es nur die richtige sein. Schwierig wird es immer dann, wenn gleichzeitig hinter mir auf den Parallelschienen ein Bundesbahnzug vorbeirattert. Das überfordert ziemlich meine Hörwelt. In dieser Situation prüfe ich rein gefühlsmäßig, ob wir einsteigen können. Lisa wird nur dann auf das Zauberwort "Eingang" reagieren, wenn die Bahn wirklich vor uns steht. Um einiges einfacher ist es dagegen im Ubahnbereich des Bonner Hauptbahnhofs: Hier gibt es automatische Bandansagen, die konkret darauf hinweisen, welche Linie auf welchen Bahnsteig einfährt. Das ist eine kolossale Erleichterung beim Umsteigen. Nach etwa einer dreiviertel Stunde haben wir das Büro erreicht. Ich werfe meinen Telefoncomputer an und stärke mich erstmal mit einem leckeren Frühstück. Nun sind Motivation und ein gutes Nervenkostüm gefragt. Bei meiner Tätigkeit ist es nicht immer einfach, mit gewissen Anrufern klarzukommen. Auch Kollegen aus meiner Berufsbranche bestätigen mir im Erfahrungsaustausch immer wieder, daß die Telefonzentrale vielfach der Prellbock für den Anrufer ist. Andererseits ist es sehr wohltuend, zwischendurch auch immer wieder ganz lockeren, witzigen und einfach freundlichen Leuten zuzuhören. Endlich ist Mittagspause. Ein kurzer Imbiß; dann wird es Zeit, mit Lisa gassi zu gehen. Ins Büro zurückgekehrt, stelle ich fest, daß die Telefonanlage erstaunlich wenig bimmelt. Also widme ich mich dem aktuellen Organisationsplan und der neuen Hausmitteilung, die ich über einen Scanner einlese und per Sprachausgabe abhören kann. Hier besteht ein Unterschied zu meinem Telefoncomputer, den ich lediglich über eine Blindenschriftzeile bediene. Für heute schalte ich die Geräte ab; denn es ist Feierabend. Zu Hause angekommen, umgibt mich eine gewisse akustische Wärme. Das Gefühl von Vertrautheit steigt in mir auf. Nach Erledigung der häuslichen Pflichten freuen sich Dieter und ich aufs Abendessen. Das ist der Beginn eines langsam ausklingenden Alltags. Ich versuche nun, alle hektischen Geräusche von mir wegzudrängen. Besonders entspannen kann ich mich, wenn ich in unserem Garten sitzend dem Vogelgezwitscher lausche, Blütenduft genieße und warme Sommerluft einatme. Die Katzen bewegen sich laut an meinen Beinen entlang, und Lisa bringt ihr Bällchen. Sie möchte damit spielen. ok. Noch ein paar Runden, und dann ist Schluß für heute. Vor lauter Müdigkeit schließt sich nun meine Hörwelt.
 
Anne:
Ganz anders erlebt ein von Kind an blinder Mann seine Hörwelt, wenn er sich aus seinen vier Wänden traut.
 
Otto:
So kann man es natürlich ausdrücken, liebe Hörerinnen und Hörer. Wenn Sie mögen, urteilen Sie selbst. Tatsache ist, es sind wohl ganz persönliche Erfahrungen, über die ich berichte; denn es wird in unseren Kreisen ganz selten darüber etwas zu hören sein, und von den sehenden Mitmenschen ist gar: "Das kann ich mir nicht vorstellen" oder ähnliches zu hören. Bei uns geht es ums Hören und bei mir speziell um das Wahrnehmen von Gegenständen beim daran Vorbeigehen oder darauf Zukommen: Häuser, Bäume, Mauern, Autos, Büsche und anderes mehr höre ich also geradezu an mir vorbeiziehen oder auf mich zukommen, an denen ich mich beim Alleingehen orientiere. Dabei vermag ich aber nicht zu erkennen, um welche und wieviele Gegenstände es sich handelt; und das kann dazu führen, daß ein vermeintlich auf mich zukommendes Hindernis sich als zwei, rechts und links nämlich mit nur kleinem Zwischenraum, erweisen, den ich erst einmal finden muß. Meine Schwierigkeiten, mich mit dem pendelnden weißen Stock draußen zu bewegen, werden umso stärker, je größer die Stellen werden, wo nichts mehr wahrzunehmen ist. Große freie Plätze und Straßen sind für mich nahezu unüberwindbar. Schiere Angst in dieser orientierungslosen Freiheit kommt auf. Autos oder andere Geräusche sind zwar deutlich zu hören; aber sie schweben ja vorbei und sind keine festen Orientierungspunkte. Ganz schlimm wird es damit übrigens auf Bahnsteigen, auf die ich nur mit Begleitung gehe, an der ich mich übrigens festhalten oder mich an eine Bank oder sonstigen Gegenstand bringen lassen muß. Fazit aus all diesem ist, daß ich mich nur sehr eingeschränkt allein in die Freiheit - und nun komme ich selbst auf das Wort - traue. Verdammt lang ist es schon her, daß dies, wenn auch in meinem Heimatheidedorf möglich, ganz anders war und ich mich ohne Stock und auch schneller als jetzt allein auf die Wege machen konnte, was heute wegen der einheitlichen Straßen- und Bürgersteigbeläge auch dort nicht mehr der Fall ist. Und dem trauere ich nach. Und schließlich: Natürlich komme ich - und auch sicher mehr oder weniger unserer Spezies - in die Lage, auf mehr oder weniger Hilfe zu hoffen oder gar angewiesen zu sein. Wenn Sehende einen solchen Eindruck haben: Scheuen Sie sich bitte nicht, Ihre Hilfsbereitschaft anzubieten - aber indem Sie nach der Hilfebedürftigkeit fragen - und wir sollten diese Hilfe sehr höflich entweder annehmen oder natürlich auch, versteht sich, höflich ablehnen dürfen.
 
Anne:
Über meine Ängste im Verkehr. Vor einiger Zeit überquerte ich eine Seitenstraße in Bonn-Beuel, wo mein Orthopäde seine Praxis hat. Von seinem Erkerfenster schaute er just in dem Moment auf die Straße herunter als ich mich dort von einem Straßenrand zum anderen bewegte. Als ich in sein Sprechzimmer kam, fragte er etwas vorwurfsvoll, warum ich so quer über die Straße gegangen sei. Das sei doch gefährlich. Ich antwortete, daß ich auf der Straße sicherer sei als auf dem Bürgersteig. Auf meinem Weg zu ihm war es mir passiert, daß ich auf einem schmalen Bürgersteig von zwei nebeneinander fahrenden Moped- oder Rollerfahrern angehupt wurde. Parkende Autos versperrten mir den Weg auf die Straße. So mußte ich mich an eine Hauswand drücken, um die beiden Kerle vorbeizulassen. Was blieb mir denn anderes übrig? Der Doktor tat ganz erstaunt: Diese Probleme kannte er nicht. Es gibt leider nicht wenige Radfahrer, die uns erschrecken und auch mal in Bedrängnis bringen. Wie oft schon bin ich in ruhigen Seitenstraßen auf verschmälerten Gehsteigen von Fahrrädern, die mich fast lautlos ziemlich nah überholt haben, erschreckt worden. Aus diesen Erfahrungen gehe ich manchmal in weniger befahrenen Straßen auf die Fahrbahn mit gespitzten Ohren, um sogleich den Bürgersteig zu erreichen, wenn ein Fahrgeräusch von vorn oder von hinten hörbar wird.
 
Otto
Im nächsten Beitrag gehts auch um das Ohrenspitzen, das eine Blinde in sportlichen Aktivitäten trainiert.
 
Irene:
Schon seit meiner Schulzeit interessiere ich mich für den Sport Leichtathletik: Laufen, Springen, Werfen und auch Kugelstoßen brachen mir sehr viel Abwechslung, übung in Geduld und menschliche Kontakte. Nach meiner Schulzeit schloß ich mich einem Blindensportverein an. Dort lernte ich die Sportart Torball kennen. Dabei kommt ein besonderer Ball zum Einsatz, fußballgroß mit einer Glocke in seinem Innern. So wird er beim Aufsetzen oder Abwerfen hörbar. Sowohl Spieler als auch Zuschauer müssen sich während eines Spiels leise verhalten, damit der Klingelball zu jeder Zeit von den auf Matten knienden Spielern zu hören ist. In der Mitte des Spielfeldes sind drei Leinen mit Glöckchen vom Boden 30 cm hoch gespannt, die die Wurfhöhe begrenzen. Trifft der Ball an eine Leine, hört der Spieler durch die Glöckchen, daß er überworfen und dadurch einen Freistoß verursacht hat. Besonders durch dieses konzentrierte Hören beim Torballspiel trainiere ich meine schnelle Reaktionsfähigkeit, die ich auch beim Straßenverkehr benötige. Außerdem vermittelt mir der Schilanglauf eine große Selbständigkeit im freien Laufen. Allerdings kann ich diese wie auch einige andere Sportarten nur in Begleitung einer verständnisvollen und gut trainierten sehenden Person ausüben. Dies gilt auch für das Bergsteigen, mein größtes Hobby. Je höher ich aufsteige, desto leiser werden die Stimmen. Dafür spricht die Natur mit Wind und Tierstimmen umso eindrucksvoller zu mir. Manchmal packt der Nebel die Geräusche in Watte ein. Neben der großen Freude, die mir die sportlichen Betätigungen bringen, gewinne ich auch mehr an Sicherheit und Selbstbewußtsein.
 
Anne:
Das Hören ist für blinde und sehbehinderte Menschen nicht nur quasi Ersatz für das fast oder ganz ausgefallene Sehen, sondern kann auch Freude spenden in akustischen Erlebnissen.
 
Otto:
Dazu gehört nicht nur Musik, sondern auch das aufmerksame Belauschen der Natur.
 
Anneliese:
Lob eines Baches. Eipenke im Harze, bist wohl mir vertraut. Begleitest mein Weglein mal leis und mal laut. Ziehst alle Register, wies Bäche nur tun: das Plätschern und Gurgeln und Donnern ohn ruhn. Es jagen die Wellen über Stock, Fels und Stein. Sie singen und poltern und murmeln ganz fein. Es klingt fast wie Worte. Ach könnt ichs verstehn. Verhalt meinen Schritt, hör des Windes wehn. Dort schimpft lang der Kleiber, die Kohlmeise singt. Erahnen nur kann ich, was alles da klingt. Ich laß mich verzaubern und bin jetzt ganz ohr. Die Welt ist vergessen in diesem Chor. Eipenke, du schnelle. Ich lausch dir so gern. Wie immer du tönest: Ich schweigend nur lern wie wohl mich dein Flüstern und Brausen umhüllt, mein Sehnen nach lauschiger Einsamkeit stillt. Und glitzert ein Sonn- oder Mondstrahl auf dir, ein funkelnd und schäumend Paradiesstück, deucht mir. Im Spätherbst dein Wasser verschwunden war. Doch bracht es der Winter zurück: sprudelnd klar. O bleib uns erhalten durch alle die Zeit und unsere Schritte an deinem Bett stets begleit.
 
Simone:
Diese Sendung des Blinden- und Sehbehindertenvereins in Bonn wurde gefördert von der Landesanstalt für Rundfunk NRW und aufgezeichnet in der Radiowerkstatt Raspel, Siegburg.
 
Otto:
Es sprachen:
jeder selbst:
Ina Jonas,
Marlis Hark,
Irene Schmidt,
Anneliese Useldinger
und der Otto Cohrs.
 
Und tschüß.

 
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